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12.07.2018 | 19:03 Uhr

Mittelbayerische Zeitung: Trump bläst zur Nato-Dämmerung / Sein Auftritt beim Nato-Gipfel gibt klare Auskunft, was die Verbündeten von diesem Präsidenten zu erwarten haben. von Thomas Spang

Regensburg (ots) - Es kam schlimmer als befürchtet. Donald Trump
wütete zum Auftakt des Nato-Gipfels gegen Deutschland, das er einen
"Gefangenen Russlands" nannte. Dann drohte er, "sein eigenes Ding zu
machen", wenn die Partner nicht "sofort" höhere Verteidigungslasten
schulterten. Schließlich verabschiedete er sich mit einem Ausflug in
ein paralleles Universum, in dem gerade ein "fantastisches" Treffen
mit "großartiger Gemeinschaftsgeist" stattgefunden hat.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emanuel
Macron versuchten, den Schein zu wahren, um das Bündnis vor dem
Wüterich zu schützen. Doch je mehr sie betonen, Trump habe weder
privat noch öffentlich mit einem Rückzug der USA aus der Nato
gedroht, desto klarer dämmert die Erkenntnis, das genau dies die
beabsichtigte Botschaft des Präsidenten war. Trotz des Bemühens, nach
der Krisensitzung der Staats- und Regierungschef in Brüssel,
Einigkeit zu demonstrieren, bleibt Trumps Januar-Ultimatum im Raum
stehen. Er könnte die USA ohne Zustimmung des US-Kongresses aus der
Nato führen, schwang er bei der Abschluss-PK noch einmal die
Drohkeule. So agiert kein Partner, sondern ein Bully. Und die belohnt
man nicht mit Entgegenkommen, sondern fordert sie mit Standfestigkeit
heraus. Alles andere interpretierte der "America-First"-Präsident als
Schwäche. Längst hat sich der Glaube als Illusion erwiesen, Trump
lasse sich durch Schmeicheleien und Nachgeben besänftigen. Sollten
seine Forderungen bei den Verteidigungslasten erfüllt sein, fände er
andere Makel an dem westlichen Bündnis, das er seit Jahrzehnten
ablehnt und im Wahlkampf als "obsolet" bezeichnet hatte. Trump hält
wenig von der multilateralen Ordnung, mit der die USA seit dem 2.
Weltkrieg ihre Stellung als Supermacht sicherten. Während die
Sowjetunion mit Brachialgewalt ihre Herrschaft durchsetzte, stellten
es die USA mit ihren Netzwerken an Bündnissen cleverer an. Amerika
machte seine Rolle als "Führer der freien Welt" durch die
Zusammenarbeit in multilateralen Organisationen verträglich. Über die
Nato projizieren die USA bis heute ihre militärische Macht. Dass sie
dafür den Löwenanteil zahlten, war stets Teil des Kalküls, diese
Vormachtstellung von anderen nicht in Frage stellen zu lassen. Was
alle US-Präsidenten verstanden haben, dringt in das Denken Trumps
nicht ein. Vielleicht lässt er sich von seinen Generälen mal
erklären, dass die 152 Militärstandorte in Deutschland heute in
erster Linie ein Sprungbrett der US-Streitkräfte nach Afrika, dem
Nahen Osten und Südasien sind. Stattdessen macht der US-Präsident
beim Nato-Gipfel so, als zahlten die USA für die Sicherheit der
anderen Mitgliedsstaaten und erhielten dafür nichts als groben
Undank. Die Europäer tun gut daran, ihre Verteidigungsetats deutlich
aufzustocken. Nicht, um sich den Erpressungstaktiken Trumps zu
beugen, sondern sich vor den Konsequenzen einer möglichen
Nato-Dämmerung zu schützen. Für den Aufbau einer
Sicherheitsgemeinschaft, die Europas Grenzen selber verteidigen kann,
ist jeder Euro bestens angelegt. Rätsel gibt dieser Gipfel nur auf,
wer sich die schwere Krise im westlichen Bündnis noch immer
schönredet. Ansonsten hat Trump beim G-7-Treffen in Kanada und nun
auch bei der Nato sonnenklar gemacht, dass die größte Bedrohung des
"Westens" nicht von außen, sondern von innen kommt. Er verfolgt eine
ganz ähnliche Agenda wie Wladimir Putin, der genau wusste, warum er
Trump im Wahlkampf half. Die Schwächung der Nato und Spaltung Europas
stehen auch ganz oben auf der Wunschliste des Kremls. Bei seinem
Treffen in Helsinki wird der US-Präsident von guten Fortschritten
berichten können. Trumps Verhalten stellt die Frage, wer der
wirkliche "Gefangene" Russlands ist.



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Mittelbayerische Zeitung
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